GAAAAAANZ LANGSAM NACH HAUSE

Im Hafen von Montreal fühlten wir uns an die Anfänge der Reise erinnert und ein Kreis schloss sich: mit einem Frachtschiff sind wir damals nach Amerika gefahren und ebenfalls mit einem Frachter würden wir auch wieder nach Hause kommen. Und mit der Verschiffung von Kolumbien nach Costa Rica ging unsere „Idee“ ganz und gar auf und wir haben den gesamten Trip ohne einen einzigen Flug bewältigt.
Nachdem uns der 2. Offizier am Terminal abgeholt hatte, kletterten wir die Treppe hinauf an Bord der MS Flottbek, einem 2005 in der Meyer-Werft gebauten Containerschiff, welches unter britischer Flagge fährt, der Wappenrederei Hamburg gehört und von Hapag Loyd gechartert wird. Wir wurden nach dem Einchecken sogleich von dem Stewart Eston empfangen und auch der Kapitän Schneider hat uns willkommen geheißen. Den Rest der philippinisch, russisch, deutschen, österreichischen Mannschaft haben wir dann nach und nach kennen gelernt und uns genauso mit dem Schiff vertraut gemacht. Eine geräumige Kabine, Aufenthaltsraum, Offiziersmesse, Sauna, Sportraum und Waschmaschine erwartete uns an Bord und auch die Brücke, Aufenthaltsraum der Crew oder andere Räume standen uns jederzeit offen.
Bevor wir ablegten lagen wir noch einen Tag im Hafen von Montreal und schauten dem geschäftigen Treiben zu. Container runter vom Schiff, Container rauf auf’s Schiff- es ist schon klasse, dass die meisten Container bei dem (scheinbaren) Durcheinander tatsächlich an ihrem Bestimmungsort landen. Auch wenn wir die Nummer unseres Containers nicht erspähen konnten, hofften wir das natürlich auch für ihn! Am Mittwoch hieß es „Leinen los“ und wir starteten die Fahrt in Richtung Nordatlantik durch den St. Lorenz-Strom hinaus. Drei Tage und zwei Nächte dauerte es und nach 1600 km hatten wir die letzten Zipfel Neufundlands erreicht. Mit dieser Ausfahrt zeigte sich Kanada zum Abschied noch einmal von der schönsten Seite und die Aussicht auf die wunderschön verfärbten Bäume rechts und links des Flusses war herrlich. Auch an Bord war es nett und wir hatten uns schnell eingelebt. Am zweiten Abend merkten wir sogleich, dass das Miteinander der Crew und der Passagiere ganz anders als auf den anderen beiden Schiffen gehandhabt wurde und wir herzlich zu Alex’ Geburtstagsfeier eingeladen wurden. Vor dem beliebten asiatischen Vergnügen des Karaoke-Singens konnten wir uns gerade noch einmal so drücken, aber beim Tanzen durften wir nicht nein sagen! Hanna, eine der beiden Kadetten hat es da ganz anders erwischt und neben dem Singen weiß ich nicht wie oft sie zum „last dance“ gebeten wurde.
Ein weiterer Passagier war mit an Bord und auch wenn sein nordirischer Akzent sehr schwer zu verstehen war, erfuhren wir viel aus dem Leben von Marc. Schon über siebzig Jahre alt, ist das Meer noch immer seine große Leidenschaft und als ehemaliger Fischer verbringt nun mit Frachtschiffreisen viel Zeit auf den Ozeanen. Angst hat er uns nach ein paar Tagen eingejagt, als er plötzlich über Schwindel, Unwohlsein und schließlich Schmerzen in der Brust klagte. Die Crew war froh, als Mario seine medizinische Unterstützung zur Verfügung stellte und wir alle waren froh, als es ihm bald wieder besser ging und wir ihn, wie gewohnt, auf der Brücke im Kapitänssessel sitzen sahen! Mitten auf dem Nordatlantik hätte es heikel werden können…
Für einen richtigen Seemann war die Überfahrt nach Liverpool wohl noch lange nicht „heikel“, doch sobald wir das ruhige Gewässer des St.Lorenz-Stromes verlassen hatten und auf dem offenen Atlantik waren, war es für uns „heikel“. Oder besser gesagt: kotzübel war uns! Die Seekrankheit hatte uns erwischt und während Mario nach einem Tag wieder topfit war, verbrachte ich zwei Tage in der Waagerechten und dachte andauernd über die Schnapsidee des Frachtschiffsreisen nach. Was war mir übel! Allerdings kann man mir wohl zu Gute halten, dass wir Windstärke 8-9 hatten und die Wellen bis zu 4 Meter hoch waren! Kaum hatten wir das „Tief“ verlassen, schaukelte es weniger und die Toastbrotdiät konnte durch die leckere Nahrung an Bord ersetzt werden. Richtig schön und entspannend war es nun auf dem Schiff und ich hatte die schlimmen Tage schnell vergessen. Vor allem als wir einen 50×50 Meter großen Eisberg neben uns treiben sahen, Delphine beobachteten oder einfach unsere Eindrücke, Erlebnisse und Reisegedanken sortierten und verarbeiteten. Die Idee mit dem gaaanz langsam nach Hause kommen ging jedenfalls auf!

Nach 5 Tagen auf hoher See umrundeten wir die Nordspitze Irlands und liefen wenig später in den Hafen von Liverpool ein. Da das Anlegen mitten in der Nacht geschah und wir tief und fest geschlafen hatten, waren wir umso erfreuter, als wir am nächsten Morgen sogleich von Bord gehen und Liverpool besuchen konnten. Zusammen mit Hanna und dem Lotsen, der uns netterweise in die Stadt begleitete und einen guten Stadtführer abgab, verbrachten wir einen schönen Tag in der Stadt und haben von den Albert Docks, über Maritime Museum bis zur berühmten Matthewstreet mit den Cavern Pub viel gesehen. Egal wie und wo, an die Beatles wird tatsächlich überall erinnert…und sei es mit leiser Hintergrundmusik in der Bank, in der wir Geld getauscht haben.
Überraschend lagen wir noch einen weiteren Tag im Hafen von Liverpool und hatten somit Zeit für weitere Erkundungen. Doch in die Stadt wollten wir nicht noch einmal und entschieden uns für eine Zugfahrt nach Norden, nach Southport. Das Seebad schien besonders bei der älteren Bevölkerung beliebt zu sein, doch auch uns hat es gefallen, einen Spaziergang am Strand zu unternehmen und vor der Rückfahrt in einem traditionellen Kaffee- und Teehaus einzukehren.
Traditionell und interessant war dann auch der Besuch im Seemannsheim von Liverpool, welches wir am Abend aufsuchten. Als Anlaufstelle für die Seeleute gibt es sie in fast allen Hafenstädten und ob man Telefonieren möchte, ein Zimmer braucht, Internet nutzt, Hilfe in Anspruch nehmen muss oder auch einfach nur ein Bier in Nähe des Hafens trinken will, kann man es dort in der oft ehrenamtlich geführten Mission, die sich überwiegend durch Spenden finanziert, tun. Selbst uns als Passagiere hat man das Internet nicht verwehrt- gegen eine kleine Spende!

Die Schleuse war für 4.00 Uhr morgens zur Weiterfahrt bestellt und als die Maschinen um 3.30 Uhr gestartet wurden, ließ sich Mario vom 1. Ingenieur wecken, um das Anwerfen des Motors zu beobachten. Mehr als 10 Minuten nimmt das in Anspruch. Während der folgenden zwei Tage von Liverpool nach Antwerpen war das Meer ruhig und wir konnten die letzten Seetage schön genießen. Ein neuer Passagier war an Bord (Marc hatte in Liverpool die MS Flottbek verlassen) und es ergaben sich gute Gespräche mit Matthew, der mit zurück nach Kanada fahren wollte. Als kurz vor Antwerpen die belgische Luftwache eine Übung unternahm und zwei Leute auf unser Schiff abseilte, war die „Show“ perfekt. Matthew jedenfalls war so beeindruckt, dass er einen Typ mit „Nice to see you, Bruce Willis“ begrüßte und wir uns ebenfalls freuten, so etwas auch noch sehen zu können.
Übrigens hatten wir inzwischen auf dem Frachtplan nachforschen lassen, ob unsere Containernummer bei der Fracht dabei war. Und das war der Fall! Wir waren so glücklich, dass wir uns auch gleich die Position sagen ließen und bei einem Rundgang über’s Deck den „G“ besuchten!

8 Kommentare zu “GAAAAAANZ LANGSAM NACH HAUSE”

  1. Korinna & Mario

    Hallo!
    Was soll ich denn jetzt meine Mittagspausen gestalten?
    Jetzt kann ich mich nicht mehr in ferne Länder träumen…

    Aber ich freue mich, dass Ihr jetzt wieder nach Hause kommt.
    Bis bald
    Korinna

  2. Christine

    Willkommen zurück in der “alten Welt”!!

    Danke für das Jahr…mit spannenden, amüsanten, erlebnisreichen, interssanten, mitfiebernden, eindrücklichen..Berichten und Bildern!!
    Wow, ein Jahr durch. Viel Spass/ Kraft/ Erlebnissen/ Wehmut/ Fernweh…beim wieder einleben für die nächste Zeit.

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